Bund 23.02.09 / EVP
Der leise Aufstieg der stillen EVP
Während andere Parteien Mitglieder verlieren, wächst
die EVP – und sie gehört bei Wahlen seit mehreren Jahren regelmässig
zu den Gewinnern. Die Erfolge sind zuallererst die Früchte harter
Aufbauarbeit. Stefan Wyler
Die EVP ist eine stille Partei. Sie führt keine lauten Kampagnen,
wirbt nicht mit einprägsamen Slogans, und sie geniesst auch nicht
die besondere Aufmerksamkeit der Medien. Doch die EVP Kanton Bern ist
in den letzten zehn Jahren eine erfolgreiche Partei gewesen. Im Schatten
der Auseinandersetzungen zwischen den grossen Blöcken hat sie Schritt
für Schritt Terrain gewonnen.
Bei den Grossratswahlen dümpelte die EVP bis 1998 bei vier Prozent
Wähleranteil, 2002 dann legte sie auf 6,0% zu, 2006 gar auf 7,3%.
In den Wahlkreisen Emmental und Oberaargau überschritt sie 2006 die
10-Prozent-Marke. Im Grossen Rat stellt sie mittlerweile eine 13-köpfige
Fraktion.
Etwas weniger markant ist der Aufstieg bei den Nationalratswahlen. Zwischen
1975 und 1995 bewegte sich die EVP zwischen 3,3 und 3,8%. 2003 stieg ihr
Anteil auf 5,2%, 2007 auf 5,4%. Nach wie vor aber stellt die Berner EVP
nur einen Nationalrat.
Erfolge bei Gemeindewahlen
Zugelegt hat die EVP auch in vielen Gemeindewahlen. Sie steigerte die
Zahl ihrer Sitze in Gemeindeexekutiven seit 2000 von 20 auf 38, die Zahl
der Mandate in Gemeindeparlamenten stieg von 44 auf 65. Bei den Gemeindewahlen
im Herbst 2008 konnte die Partei in einigen Berner Agglomerationsgemeinden
markant zulegen. In Zollikofen kam sie auf einen Wähleranteil von
9,5%, in Ostermundigen auf 12,1%, in Worb wuchs ihr Wähleranteil
um 5,9 Prozentpunkte auf 14,3%. Und hier setzte sich der EVP-Kandidat
Niklaus Gfeller bei der Wahl zum Gemeindepräsidenten gegen Bewerber
aus SVP, SP und FDP durch. Wobei es im Wahlherbst 2008 für die EVP
– bei allen Erfolgen – auch einige Rückschläge gab:
In Burgdorf und Langenthal etwa büsste die Partei einige Prozentpunkte
Wähleranteil ein – und in der Stadt Bern erlitt sie eine herbe
Niederlage. Bei den Stadtratswahlen sank ihr Wähleranteil von 3,6
auf 2,7%.
Was ist das Erfolgsrezept?
Was aber ist denn das Erfolgsrezept der eher unscheinbar und bieder wirkenden
Partei? EVPler wie Leute aus anderen Parteien nennen mehrere Faktoren
– vor allem aber einen: Die EVP hat in den letzten zehn Jahren eine
konsequente Aufbauarbeit betrieben. Diese ist zu einem grossen Teil das
Werk des umtriebigen EVP-Geschäftsführers und Grossrats Ruedi
Löffel. Er hat – aufgrund detaillierter Wahlanalysen –
die Gründung von über 20 Ortsparteien angestossen. Er hat in
der christlichen Szene unzählige Leute als Wahlkandidaten gewonnen,
die EVP trat oft mit mehreren Listen an – einer, wie andere spotteten,
wahren Kandidatenflut. Und die EVP-Zeitung wird mittlerweile an 26000
Adressen verschickt.
Der Parteiaufbau aber war erfolgreich. Die Mitgliederzahl stieg von 898
im Jahre 1994 auf 1439 im Januar 2009 – und dies in einer Zeit,
in der die grossen Parteien Mitglieder verloren. Und, noch wichtiger:
Bei den Wahlen konnte die EVP regelmässig punkten. Peter Brand, der
Chef der SVP-Grossratsfraktion, findet es «bewundernswert»,
mit welch «grossem Engagement» die EVP in den letzten Jahren
ihre Position verbessert habe. «Die haben gearbeitet», anerkennt
auch SP-Fraktionschefin Margreth Schär.
Die religiöse Motivation
EVPler nennen auch andere Gründe für ihre Wahlerfolge. Die Wähler
wünschten heute vermehrt wieder «eine Politik, die auf ethischen
Werten basiert», sagt die EVP-Grossratsfraktionschefin und Könizer
Gemeinderätin Marianne Streiff. Viele Bürger hätten genug
vom «unschönen Hickhack» der etablierten Parteien. Und
Ruedi Löffel ergänzt: Je dümmer die SVP getan habe, desto
mehr habe sich in ländlichen Gebieten für die EVP ein neues
Wählerpotenzial eröffnet.
Aber wofür steht denn die EVP? Basis ihres Politisierens ist, wie
Löffel sagt, eine «christliche Grundhaltung». Man tritt
ein für «soziale Gerechtigkeit», für die Umwelt
– aus «Respekt vor der Schöpfung» –, man
setzt sich ein für die Familien als «Kernzellen unserer Gesellschaft».
Die heute tonangebenden EVP-Politiker aber stellen in ihrem politischen
Auftritt die Religion nicht in den Vordergrund – anders als ihre
Kollegen von der Eidgenössisch-Demokratischen Union (EDU), der streng-christlichen
Gruppierung, die sich in den 1970er-Jahren von der EVP abgespaltet hatte.
Die EVP mache eine Politik, «die auf Werten basiert», sagt
Fraktionschefin Streiff. Aber: «Wir sind keine Kirche. Wir machen
Politik, wir suchen nach politischen Lösungen.»
Mitte oder links der Mitte?
Und wo steht die EVP im politischen Spiel? Sie definiert sich selber als
Mittepartei, die «zwischen den Blöcken» agiert. Die EVP
versuche eine eigenständige, sachliche Politik zu betreiben, sagt
Löffel. «Uns kann man nicht schubladisieren.» Es gebe
Fragen, in denen die EVP den Bürgerlichen nahestehe, und Fragen,
in denen die EVP der linken Seite näher sei, sagt Streiff. Das sehen
nicht alle so. Der Grossteil der EVP-Grossratsfraktion sei «links
der Mitte anzusiedeln», sagt SVP-Fraktionschef Peter Brand. Was
SP-Fraktionschefin Margreth Schär ähnlich einschätzt. Insbesondere
in sozialen Fragen sei die EVP für die SP eine verlässliche
Partnerin, sagt sie. FDP-Fraktionschef Adrian Haas dagegen gibt der EVP
das Label «Mittepartei».
Ein breites Spektrum
Alle Befragten aber weisen darauf hin, dass in der EVP ein sehr breites
Spektrum herrsche: Dieses reicht vom ländlich-gewerblich- bürgerlichen
EVPler bis zu linksliberalen Exponenten aus der Agglomeration. Und was
bleibt: In gewissen gesellschaftlichen Fragen, da ist dann nichts mehr
mit «links der Mitte». Auch die Berner EVP hat die Fristenlösung
bekämpft und sich gegen das Partnerschaftsgesetz ausgesprochen, das
homosexuellen Paaren mehr Rechte einräumt.
Aufgefallen ist die EVP in der Kantonspolitik in den letzten Jahren durch
einen unermüdlichen Einsatz für den Nichtraucherschutz. Auffällig
war auch ihre eigenständige Finanzpolitik. Keine andere Partei hat
so konsequent dem Schuldenabbau Vorrang gegeben. Mit der Ratslinken kämpfte
die EVP für Masshalten bei Steuersenkungen, mit den Bürgerlichen
setzte sie sich für Masshalten bei neuen Staatsausgaben ein. Aber
ob das die Wahlerfolge erklärt?
Das Ende des Wachstums?
Offen ist, wie lange der stete, langsame Vormarsch der EVP weitergehen
wird. Unbegrenzt werde die Partei nicht weiterwachsen, sagt auch Ruedi
Löffel. 10 Prozent Wählerlanteil im Kanton, hofft er, werde
die EVP aber erreichen können, wenn auch noch nicht bei den Grossratswahlen
2010. Wird das Auftauchen der BDP das EVP-Wachstum bremsen? Löffel
verneint. «Unser Potenzial sind die sieben Leute von zehn, die nicht
wählen.»
Die Vertreter der anderen Parteien halten das Ende des EVP-Wachstums dagegen
für absehbar. Die EVP werde ihr Potenzial «bald einmal»
ausgeschöpft haben, schätzt SVP-Fraktionschef Brand.
Die EVP
Die Evangelische Volkspartei Schweiz wurde 1919 gegründet, im selben
Jahr entstand eine Berner Sektion. Ihr Ziel ist es, wie sie schreibt,
«auf der Grundlage des Evangeliums eine sachbezogene und am Menschen
orientierte Politik zu betreiben». Die EVP Schweiz zählt heute
4665 Mitglieder und hält zwei Sitze im Nationalrat, einen mit dem
Berner Walter Donzé. Im 160-köpfigen Berner Grossen Rat sitzen
13-EVP-Leute. Die Berner EVP zählt in 51 Ortsparteien 1439 Mitglieder.
Die Hälfte gehört der evangelisch-reformierten Landeskirche
an, rund 400 Mitglieder gehören Freikirchen an, 300 geben diverse
oder keine Kirchenzugehörigkeiten an. (sw)
reformiert 31.01.09 / EVP
Mit Erfolg zwischen den Blöcken
EVP/ Sie ist ein Phänomen: Obschon schwer fassbar, legt die Mittepartei
im Kanton Bern seit Jahren zu. Nicht zuletzt dank konsequenter Aufbauarbeit.
Ohne viel Aufhebens legt die Evangelische Volkspartei (EVP) im Kanton
Bern von Wahl zu Wahl zu. Zwischen 1990 und 2006 hat sie ihren Wähleranteil
bei den Grossratswahlen von 3,4 auf 7,3% mehr als verdoppelt und die Vertretung
im Grossen Rat von vier auf dreizehn Sitze gut verdreifacht. Und auch
in der Gemeindepolitik glänzt sie: Seit 2000 hat die EVP ihre Sitzzahl
in kommunalen Exekutivämtern von 20 auf 38 und ihre Vertretung in
den Gemeindeparlamenten von 44 auf 65 Sitze erhöhen können.
Stille Profiteurin. Den jüngsten Coup feierte die EVP Ende Dezember
in Worb. Ihr Kandidat, Niklaus Gfeller, eroberte im zweiten Wahlgang das
vollamtliche Gemeindepräsidium. Dabei musste sich der 45-jährige
EVP-Grossrat gegen einen FDP-Kandidaten durchsetzen, der nicht nur vom
Gewerbe, sondern – wenigstens offiziell – auch von der SVP
unterstützt wurde. Die Politik der Mitte, die Gfeller als Worber
Sozialvorsteher vertreten hatte, überzeugte dann aber auch etwelche
SVP-ler.
«Die Berner EVP hat nicht nur in Worb, sondern im ganzen Kanton
von der Gespaltenheit der SVP profitiert», sagt Politologe Andreas
Ladner. Viele SVP-Wähler goutierten den verstärkt auf Zürich
ausgerichteten Kurs ihrer Partei nicht. «Für sie ist die EVP
eine valable Alternative, weil sie weder liberal noch links ist»,
sagt Ladner. Zudem zollt er der Partei Respekt für deren Aufbauarbeit.
Grosses Potenzial. Motor dieser Aufbauarbeit ist Grossrat Ruedi Löffel,
Geschäftsführer der EVP im Kanton Bern. Seit neun Jahren weibelt
er durchs Land, analysiert Wählerpotenziale, gründet Ortparteien,
überzeugt Leute zu einer Kandidatur. Zwanzig neue Ortsparteien sind
in seiner Amtszeit entstanden, die Mitgliederzahl ist von 940 auf 1439
Personen gewachsen, und Löffel hat auch die Adresskartei massiv ausgebaut:
Die EVP-Zeitung wird unterdessen im Kanton Bern an 28’000 Adressen
geschickt. Löffel setzt insbesondere auch auf die 60 bis 70 Prozent
Politabstinenten: «Hier liegt unser Potenzial.»
Obwohl das E für «evangelisch» steht, seien die biblischen
Inhalte bei der Mobilisierung von Neuwählern nicht zentral, sagt
Löffel. Dass die Mittepartei in der Gesellschaftspolitik konservativ
ist – sie sagte Nein zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und
zur Fristenregelung –, aber gleichzeitig oft Umweltanliegen unterstützt,
macht sie politisch schwer fassbar. Ruedi Löffel sieht darin keinen
Nachteil. «Zwischen den Blöcken kann man sachlich politisieren.»
Aber der Geschäftsführer weiss, wie schwierig es ist, diese
Politik zu kommunizieren. «Deshalb brauchen wir Köpfe, Köpfe,
Köpfe.» Löffel nennt dies das «Viel-Kandidierende-Prinzip»:
Die EVP tritt bei allen Wahlen mit eigenen Listen an.
Am Plafond? Dass die Kurve der EVP nicht ständig weiter nach oben
gehen kann, ist Löffel klar. «Mehr als zehn Prozent Wähleranteil
liegen kaum drin.» Ehrgeizige Ziele hat er trotzdem: «2010
wollen wir unsere Vertretung im Kantonsparlament von dreizehn auf fünfzehn
Mandate ausbauen.» Matthias Herren
Berner Ausreisser
Im Aargau legte die EVP bei den Grossratswahlen von 4,3% (1997) auf 6%
(2005) zu. Im Kanton Zürich stagniert die Partei seit 1999 bei gut
5%. Auch mitgliedermässig hängte die Berner EVP die andern Kantonalparteien
ab: Während Bern in den letzten zehn Jahren 548 Neueintritte zu vermelden
hat (heute 1439 Mitglieder), wuchs die Aargauer Partei um 100 auf 541
Mitglieder. In Zürich liegt die EVP-Mitgliederzahl unverändert
bei 1440.
Bund vom 11.10.2000
Die EVP macht Jagd auf Gemeinderatssitze
GEMEINDEWAHLEN / Vom viel beklagten Mangel an Kandidierenden
scheint die EVP nicht viel zu spüren: In sechs Gemeinden beteiligt sich
die Partei heuer erstmals an den Wahlen. Treibende Kraft hinter dieser
Offensive ist EVP-Wahlkoordinator Ruedi Löffel. Beflügelt hat ihn unter
anderem der letztjährige Wahlerfolg in Münchenbuchsee.
• EVELYNE MAYR
In etlichen Gemeinden des Kantons Bern haben die Stimmberechtigten bei
den bevorstehenden Gemeindewahlen eine grössere Auswahl als in früheren
Jahren: Die EVP macht mit insgesamt zehn Kandidierenden in Zollikofen,
Muri, Huttwil, Heimberg und Kirchberg zum ersten Mal Jagd auf einen Sitz
in der Exekutive. Mit einer 14 Personen starken Liste mischt die EVP in
Zollikofen auch bei den Parlamentswahlen mit. In Belp und Schönbühl tritt
die Partei erstmals zu den Kommissionswahlen an, auf den total drei Listen
kandidieren total 23 Personen. Eine
Premiere hatte die EVP auch in Biel: Die Partei versuchte bei den Wahlen
vom 24. September erstmals, ein Mandat für den nebenamtlichen Gemeinderat
zu gewinnen. Dies ist ihr jedoch nicht gelungen. Mit Ausnahme von Huttwil,
Muri und Biel existieren in all diesen Gemeinden noch keine EVP-Ortsparteien.
Buchser Wahlen motivierten
Hinter dieser Offensive steckt Ruedi Löffel aus Münchenbuchsee. Die Kantonalpartei
hat ihn Anfang Jahr mit einem 20-%-Pensum als GF und Wahlkoordinator angestellt;
er hat die meisten Kandidierenden rekrutiert. Angespornt hat Löffel einerseits
der Wahlerfolg, den die EVP letztes Jahr in Münchenbuchsee erzielte: Die
Partei konnte bei den Parlamentswahlen zwei Sitze dazugewinnen und ist
nun mit drei Personen in diesem Gremium vertreten. Aber auch die Resultate
der Nationalratswahlen von 1999 hätten ihn beflügelt, in bestimmten Gemeinden
aktiv zu werden, sagt Löffel. So habe er nämlich bei der Auswertung der
Nationalratswahlen festgestellt, dass in Zollikofen jede zwanzigste Person,
die an die Urne geht, EVP wählt. «Da muss man etwas machen», habe er sich
deshalb gesagt - und sich daran gemacht, Kandidierende zu suchen.
Erste Reaktion: Keine Zeit
Wichtiges Instrument bei dieser Arbeit war für Ruedi Löffel die Adressliste
der Kantonalpartei: 14 500 Adressen standen ihm zur Verfügung. Recht direkt
habe er jeweils sein Anliegen bei einem Telefongespräch formuliert, so
Löffel. Die meisten hätten positiv reagiert auf die Ankündigung, die EVP
wolle sich in ihrer Gemeinde an den Wahlen beteiligen. Auf die Frage,
ob sie kandidieren würden, hätten aber praktisch alle mit der Begründung,
sie hätten keine Zeit für ein öffentliches Amt, abgewinkt. Dennoch ist
es Löffel gelungen, genügend Personen zu einer Kandidatur zu motivieren.
So zum Beispiel ist sein Werben bei Simon Rohrer, der fürs Parlament in
Zollikofen kandidiert, gut angekommen. Er verfolge die Politik aktiv mit
und habe schon immer Sympathien zur EVP gehabt, sagt Rohrer, der Lehrer
in einer christlichen Privatschule ist. Er helfe gerne mit, Stimmen zu
holen, rechne aber nicht damit, gewählt zu werden. Wenn doch, «würde es
mich freuen».
Die Nähe zur EVP
Auch Jeannette Kasper-Reber, Geschäftsführerin und Ko-Leiterin der Weltgebetstagsbewegung,
hat sich eine Kandidatur nicht lange überlegt. Sie bewirbt sich um einen
Sitz im Zollikofer Parlament und im Gemeinderat. Die EVP sei für sie die
«nahe liegendste» Partei, sagt Kasper. Theoretisch aber wäre es möglich,
mit ihrer vom christlichen Gedankengut geprägten Politik auch bei einer
anderen Partei mitzumachen. Ebenfalls auf der Liste für die Zollikofer
Parlamentswahlen steht Roland Stucki, Fachstellenleiter bei der Firma
Securiton. Er sei bereits früher für eine Kandidatur angefragt worden
- allerdings von der EDU. Damals habe er keine Zeit gehabt, erklärt Stucki.
Nun aber sei er motiviert, aktiv zu politisieren. Hinter das Programm
und das Gedankengut der EVP könne er sich stellen. Er sei zuversichtlich,
gewählt zu werden. Wenn nicht, würde ihn das aber nicht enttäuschen, sagt
Stucki. Barbara Wyss - sie kandidiert für den Gemeinderat in Kirchberg
- rechnet schon damit, gewählt zu werden. Für Wyss, die sich ehrenamtlich
in der christlichen Jugendarbeit «paf» (praise and fun) engagiert, ist
die Kandidatur «kein Gag». Sie komme zwar aus einer SVP-Familie, aber
keine Partei sei ihr so nahe wie die EVP. Obwohl sie schon seit längerem
Lust habe zu politisieren, hätte sie deshalb für keine andere Partei kandidiert.
Dem Nachbar zuliebe
Stephan Schranz, der ebenfalls für den Gemeinderat in Kirchberg kandidiert,
politisierte bereits an seinem vorherigen Wohnort Muri für die EVP in
einer Kommission. Wäre er nicht weggezügelt, hätte er sich in Muri um
einen Sitz in der Exekutive beworben. Ob in Kirchberg nun er oder jemand
anders auf der EVP-Liste gewählt würden, sei unwichtig, so Schranz. Es
würde ihn aber freuen, wenn er ein Mandat erhielte. Anders ist die Ausgangslage
für Matthias Stalder. Weil ihn ein Nachbar gebeten habe, kandidiere er
nun auf der Liste der EVP für die Vormundschafts- und Fürsorgekommission
in Belp, sagt der Postangestellte. «Es ging darum, die Liste zu füllen.»
Einen Bezug zur EVP habe er nicht. Er rechnet nicht damit, gewählt zu
werden. Und sollte er einmal nachrutschen müssen, sei es «nicht ausgeschlossen»,
dass er das Amt annehme.
Kandidieren vor Beitreten
Für Ruedi Löffel sind auch diejenigen Kandidierenden «echt», die lieber
nicht gewählt würden. Alle Kandidierenden wollten der EVP zu einem Sitz
in den jeweiligen Gremien verhelfen. Dass ein mögliches späteres Nachrutschen
zur Nagelprobe werden könnte, fürchtet er nicht. Die grösste Hemmschwelle
stelle nämlich die Kandidatur selbst dar, und die sei ja zu dem Zeitpunkt
des Nachrutschens, bereits überwunden. «Viele kostet es eine grosse Überwindung,
sich als Kandidat oder Kandidatin der EVP in der Öffentlichkeit zu präsentieren»,
so Löffel. Noch nicht die Hälfte der Personen, die heuer erstmals für
die EVP kandidieren, sind gemäss Löffel Parteimitglieder. Ein Beitritt
sei auch nicht vordringlich, genauso wenig wie die Gründung von Ortsparteien.
Nach den Wahlen allerdings werde er schon versuchen, die Leute zu einem
Beitritt zu motivieren - nicht zuletzt wegen der Mitgliederbeiträge, die
nebst Spenden eine wichtige Einnahmequelle für die Partei sind.
Die EVP im Kanton Bern
may. Bern, Biel, Saanen, Steffisburg und Thun: In diesen Gemeinden wurden
1919 die ersten EVP-Ortsparteien gegründet. 31 weitere Ortsparteien kamen
später dazu. Heute ist die EVP des Kantons Bern gut 940 Mitglieder stark.
Rund die Hälfte der Mitglieder sind evangelisch-reformiert, 143 gehören
der EMK an, 100 dem EGW, rund 230 Personen sind Angehörige einer anderen
oder keiner Kirche. Insgesamt ist die EVP im Kanton Bern mit 17 Personen
in Exekutiven und 40 Frauen und Männern in Gemeindeparlamenten präsent.
Im Kantonsparlament hat die Partei seit den Wahlen 1999 8 Mandate inne.
Der Stimmenanteil betrug 4,4 %. Bereits 1986 kam die EVP auf einen Stimmenanteil
von 4,3 %; danach hatte sie einen Einbruch: 1990 erhielt sie nur 3,4 %
der Stimmen. Vier Jahre später gings aber wieder aufwärts: 1994 erreichte
sie 4,0 % und 7 Sitze im Grossen Rat.
zurück
|